Freitag, 24. Februar 2012

Bohemian Rhapsody


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Shabby Chic ist Kult. Auch glamourös und unkonventionell. Klar, es bedeutet auf Deutsch schäbig, aber das sind Kinkerlitzchen. Shabby Chic ist eine Lebenshaltung, die von der Boheme geprägt ist. Sie bedarf einer gewissen Weitsichtigkeit, welche die Schranken der Bürgerlichkeit überwindet. Eine Gesinnung, die mit der Konvention bricht, dass, wer etwas gelten will, eine Einrichtung braucht, die möglichst teuer ist und auf Labels aufbaut. So gesehen beim Steuerbeamten, der sein Haus mit De Sede Sofas, dem alten Bauernschrank von Oma und Edelvitrinen von Möbel Pfister vollstopft. Aber auch beim Juristen. Dort ist der Diwan dann von Le Corbusier, die auf hochglanz polierte Kommode von Louis XV und das Sideboard von USM Haller. Beide, der Steuerbeamte und der Jurist, wissen mit absoluter Sicherheit, dass ihre Möbel zeitlos sind und dass sich Altertümlichkeiten gut mit Modernitäten mischen lassen. Das sind zwei der grössten Mythen der Einrichtungsgeschichte. Ein Mythos ist weder greifbar und noch umsetzbar. Die daraus resultierenden laienhaften, aber gut gemeinten Interieurs uninspiriert bis eintönig. Der Bohemian Style macht diesem gleichgeschalteten, helvetischen Irrglauben einen Strich durch die Rechnung. Und zwar einen Pinselstrich. 
 
Shabby Chic ist die grosse Freiheit, meine Damen und Herren. Dabei ist Harmonie das oberste Ziel. Exzentrik die Essenz. Facettenreichtum steht im Mittelpunkt. In diesem Stil findet alles einen Platz, das dem Auge schmeichelt, es kitzelt oder zum Staunen bringt. Es spielt keine Rolle, wo es her kommt, welche Marke drauf steht oder welche Summe dafür ausgegeben wurde. Es muss einfach den gewünschten Look abrunden. Möbel und Accessoires, die abgeliebt, abgeplatz und abgewetzt sind zum Beispiel. Aber auch brandneue,  auf alt gemachte oder die von Eames. Hier gibt es keine Grenzen. Keine Tabus. Keine Trödelpolizei.

 Man kann lustvoll Madonnen sammeln ohne religiös zu sein. Einfach nur weil ihre Darstellung bezaubernd und ganz und gar feminin ist. Man kann ausgestopfte Vögel auf Sideboards drapieren ohne der Jägergilde anzugehören, weil so ein Taucherli farblich vielleicht gerade ins Bild passt. Man kann Orden aufgrund ihrer glamourösen Aura in Mengen an die Wände hängen ohne ein Militarist sein zu müssen. Es reicht, dass man sich an diesen Dingen freut – allein wegen des Aussehens, der Textur, der Kuriosität oder dem Gefühl, dass sie transportieren. Fabelhaft, nicht wahr?

Es darf mit allem gearbeitet werden, was einem zusagt. Was nicht gefällt, wird gefallend gemacht. Dabei steht keinesfalls der Werterhalt im Vordergrund, sondern der Erhalt der Moral im ästhetischen Sinn. Grässlichkeiten (auch teure) werden zu Schönheiten. Und zwar mit Gewalt, wenn es sein muss. Tollkühn werden alte und neue Möbel umgestrichen, Lampenschirme ausgetauscht, Bilder-rahmen entgoldet oder Gemälde übermalt. Hirschgeweihe,  Suppenschüsseln, Puppenköpfe, Heiligenbilder, antike Abendtaschen werden zu fantastischen Deko-Objekten. Verschlissene Tapeten werden zum perfekten Hintergrund für eine goldbeschlagene, anmutige Antiquität. Es ist gerade die Unvollkommenheit mancher Einrichtungsgegenstände, die zur Vollkommenheit des Gesamtbildes beiträgt. Das Auge bewegt sich im Raum mühelos und findet immer wieder die Musse, inne zu halten, um ein Stück zu bewundern oder es zu belächeln. Der Stil des Shabby Chic ist unaufgeregt und doch aufregend, weil er weder prätentiös noch arrogant ist. Vor allem ist er voller Humor und köstlicher Lebenslust. Sowas sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen!


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Freitag, 17. Februar 2012

Warum Sankt Valentin den Kopf verlor


Männer atmet auf! Ihr habt’s geschafft! Nach Weihnachtspflicht und Silvesterjubel habt ihr auch den unvermeidlichen Valentinstag hinter Euch gebracht. Ihr habt artig Blumen, Schokolade und Trompetengold verschenkt. Zum Dank haben sich Eure Damen in ihre Negligés gepresst, Kaviar aufgetischt und sich über die Rosen von Aldi gefreut. Bravo! Natürlich gab es auch dieses Jahr wieder die penetranten Verweigerer, die behaupten, dass sie selbst ohne Kommerzdiktat in der Lage sind, ihren Frauen Blumen nach Hause zu bringen. Ja genau. Alle fünf Jahre, wenn sie wieder Mal die Sekretärin verführt haben. Derweil sitzen die bedauernswerten Ladies dieser Spezies am Valentinstag mürrisch im Büro und versuchen sich selbst und ihre Umwelt erfolglos davon zu überzeugen, dass sie sich ganz und gar nichts aus überteuertem Grünzeug, Süssigkeiten oder Romantik per se machen, während ihre Kolleginnen schmachtend die Liebesbezeugungen ihrer Männer entgegen nehmen. Eins ist klar, diese Vernachlässigten werden noch wochenlang Kopfweh haben. Strafe muss sein. Und überhaupt: Wer ist eigentlich dieser verflixte Valentin?

Der Überlieferung nach war Valentin der Bischof der italienischen Stadt Termin, der sich einen Spass daraus machte, Soldaten zu verheiraten, die nach dem damaligen kaiserlichen Befehl unverheiratet hätten bleiben sollen. Dabei überreichte Bischof Valentin den frisch Verheirateten Blumen aus seinem Garten. Die Ehen, die von ihm geschlossen wurden, sollen ewig gehalten und viele Kinder hervorgebracht haben. Doch Kaiser Claudius II war nun mal kein Hippie und er wollte ums Verrecken Single-Soldaten, die War machten und nicht Love.  Er liess Valentin am 14.  Februar 269 aufgrund seines Ungehorsames und seines christlichen Glaubens enthaupten. So ging er als Märtyrer in die Geschichte ein und ist seither der Schutzpatron der Liebenden und der Floristen.  

Allerdings könnte durchaus auch ein fabelhafter heidnischer Brauch mit im Spiel gewesen sein, denn bereits in der Antike gedachte man am Vierzehnten Februar der Göttin Juno, der Hüterin der Geburt und der Ehe. Den Frauen wurden schon damals an diesem glorreichen Tag Blumen überreicht. Übrigens war Juno auch die Schirmherrin von Rom und ihr heiliges Tier war die Gans. Weshalb wohl klar sein dürfte, warum Damen beim Kaffeeklatsch noch heute schnattern.

Tippi Hedren PR Foto für "Die Vögel" von Alfred Hitchcock
Richtig Fahrt aufgenommen hat der Valentinskult allerdings erst im Mittelalter, als der englische Dichter Geoffrey Chaucer 1383 in seinem Gedicht „Parlament der Vögel“ beschrieb, wie sich das Geflügel am Valentinstag versammelt, damit jedes Huhn seinen Gockel fände.  Das Gedicht wurde an der Valentinsfeier am Hofe des Königs mit grossem Erfolg vorgetragen und seither turteln die Briten im Februar was da Zeug hält. Es ist eigentlich erstaunlich, dass die Liebe offenbar stets mit Vögeln einhergeht. Man verzeihe mir das übermütige Wortspiel.

Kommerziell wurde es dann ein paar Jahrhunderte später, als die Gattin des berühmtesten, englischen Tagebuchschreibers Samuel Pepys, Staatssekretär und Mitglied des Unterhauses, ihrem Mann 1667  einen Blumenstrauss zukommen liess, als Antwort auf einen seiner zahlreichen Liebesbriefe. Die Verbindung von Romantik und Blumengeschenken hielt unaufhaltsam Einzug in die vornehme englische Gesellschaft. Und weil es die oberen Zehntausend taten, so wollten natürlich auch die restlichen 99% nicht hinten anstehen. Diese Tatsache war es, die Sankt Valentin and the Blumenshops den ganz grossen Durchbruch brachte.

Die Briten haben die Tradition nach Amerika mitgenommen und die Amerikaner verbreiteten sie nach dem zweiten Weltkrieg auch im restlichen Europa. Sankt Valentin hat’s geschafft. Und zwar ganz ohne Facebook und Twitter. Er ist globalisiert, kommerzialisiert, nachhaltig und CO2 neutral. Er hat einen beispiellosen Brand und Love ist seine Message, seine Message ist Love. Gentlemen, Kameraden, Soldaten: Glaubt an die Liebe, huldigt ihr und macht Eure Frauen glücklich. Sie werden es Euch mit anhaltender Migränefreiheit danken.

Donnerstag, 9. Februar 2012

ExCentro - Das fabelhafte Reich jenseits der Mitte

"Das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch zu sein wie kein anderer."
Simone de Beauvoir


Iris Apfel, 88 Jahre, Face of MAC Cosmetics 2012
Wäre es nicht fantastisch wenn wir ganz und gar uns selbst sein könnten? In jeder Situation und in jeder Lage? Täglich unbefangen und unbeschwert? Wenn wir aussprechen könnten, was wir wirklich denken und das anziehen, worin wir uns wohl fühlen? Wäre es nicht grossartig, wenn wir vorbehaltlos leben und leben lassen könnten? Ein Traum, nicht wahr? Und obwohl die meisten von uns sich die Erfüllung dieses Traumes wünschen, so haben sie doch nicht den Mut, ihn wahr werden zu lassen. 

Im Gegenteil. Unser ganzes Bestreben liegt darin, um jeden Preis so zu sein, wie die anderen. Einige von uns bezahlen einen hohen Preis dafür, dem Mainstream ihrer Kaste anzugehören. Designerkleider, Persönlichkeits-Trainings, Tennisstunden, Schönheits- operationen, Wirtschaftsstudium, Psychotherapie, Lamborghinis. Dabei scheint es so zu sein, dass der innere Groll gegenüber dem selbst auferlegten äusseren Zwang sich darin entlädt, all diejenigen auszusondern oder zu zermürben, die aus der Rolle fallen. Hämisches Lästern, mit Fingern zeigen und Schlechtmacherei sind die Waffen der Entmutigten, der Resignierten, der Gehemmten. Ich plädiere deshalb für mehr Courage und weniger Neid. 

La Lupa fotografiert von Barbara Graf Horka
Der schottischer Psychologe David Weeks hat mittels einer jahrelangen Studie herausgefunden, dass exzentrische Leute glücklicher sind, jünger aussehen und länger leben, weil sie keinen sozialen Stress erleben. Es spricht also nichts dagegen etwas mehr Egozentrik an den Tag zu legen. Schrullig sein ist gesund. Bei ganz wenigen ist der Nonkonformismus angeboren. Gepriesen seien sie!  Einige verplempern ihr Jugend damit, massenkompatibel sein zu wollen und kommen erst ab Mitte Dreissig auf den Geschmack der grossen Freiheit. Wobei sich bei fast allen die Freude an der Exaltiertheit nach der Midlife-Crisis wieder verflüchtigt. Traurigerweise zelebriert der grösste Teil der Menschheit die hart erarbeitet Mittelmässigkeit bis zum bitteren Ende.

Laut wissenschaftlicher Studie gibt es fünf Hauptmerkmale, die auf einen echten Exzentriker zutreffen: Unangepasstheit, Kreativität, Neugierde, Idealismus, Betreiben von durchschnittlich fünf bis sechs Hobbies. Ebenfalls hegen die wenigsten den Wunsch von der Gesellschaft Anerkennung oder Bestätigung zu erhalten, sind wenig interessiert an den Ansichten anderer, haben einen grossen Sinn für Humor und sind schlecht in der Rechtschreibung. Wie sieht es aus? Gehören Sie dazu? Wenn nicht, machen Sie jetzt den Anfang: Legen Sie sich ein Hobby zu! Briefmarkensammeln gilt nicht! Schmetterlinge fangen und aufspiessen schon eher.

Die Verrückten und Skurrilen dieser Welt machen unser Leben bunter, auch wenn sie viel zu selten unsere Wege kreuzen. Verschrobenheit mag anstrengend sein, ist aber gleichzeitig verlockend. Und deswegen ist gemässigt exzentrisch zu sein, durchaus erstrebenswert und absolut gesellschaftsfähig. Probieren Sie es aus! Aber seien sie vorsichtig: Exzentrik definiert sich nicht über Geschmacklosigkeit und Impertinenz sondern über Kreativität und Idealismus. Es ist ähnlich wie beim alten Adel und den Neureichen: Die wahrhaft  Irren kommen überall hin, die Parvenüs landen im Dschungelcamp.  

Donnerstag, 2. Februar 2012

World Economic Forum - Do you speak Bunga Bunga?

Die grosse VIP-iade in Davos hat ein Ende gefunden. Einmal mehr haben wichtige Leute, weit ab von der brutalen Realität und abgeschirmt vom gemeinen Pöbel, sich selbst und ihre Komplizen mit Lob, Kritik und Moralismus eingedeckt. Ein bisschen Kunst hat man ihnen kredenzt, damit die Kapitalistenseele nicht gänzlich verkümmert. Ein wenig Wissenschaft: Überraschende Insights von Hirnforschern werden in Zunkunft zu verhindern wissen, dass die Manager-Gehirne vor lauter Bonuszahlen explodieren. Eine Prise Afrika, ein Schuss Sustainability und drei Kaffeelöffel experimenteller Film machten aus der Schwabschen Brühe eine Netwoking-Suppe der Superlative. Fazit: Die Lage ist ernst, hoffnungslos und Social Media getrieben, aber alles ist gut, solange die WEF-Brüder (und ihre Quoten-Schwestern) noch mit den Privatjets in Dübendorf landen können.



Marie Antoinette von Sofia Coppola
Nun ist die Elite also wieder daheim. In ihren Häusern, Villen und Palästen. Sie sitzen abends auf ihren Sofas, Chaise Lounges, Eames Chairs. Essen von Nymphenburger Prozellan Tellern, trinken aus Kristallgläsern und schauen sich dann selbst im Fernsehen an. Mal ganz abgesehen von der galoppierenden Ignoranz gegenüber der Wirklichkeit, welche die Créme de la Créme zuweilen an den Tag zu legen pflegt, würde ich gerne mal wissen, wie diese wahnsinnig wichtigen Personen hausen. Oder wird gar residiert? Haben sie tatsächlich Geschmack oder reicht ihnen ein grosses Preisschild zur Legitimation ihrer häuslichen Hipp-igkeit?


Prinzessin Angela

Bei Angela Merkel wird, obwohl sie in einer Mietwohnung im 4. Stock wohnt, eine bodenständige Einrichtung vorherrschen. Hipp sein will sie nicht. Sie will effizient sein, sparsam und glaubwürdig. Es gibt Sofas mit strapazierfähiger Polsterbespannung, Einbauschränke und DDR-Nostalgielampen mit Stromsparglühbirnen. Einzig beim Schlafzimmer hat sich Frau Merkel einen Kindheitstraum erfüllt: Sie ruht in einem verschnörkelten Himmelbett drapiert mit weissen Vorhängen. Eigentlich wollte sie rosa, aber ihr Mann meinte, dass wäre ihm dann doch zu albern und ganz und gar nicht staatsfrauisch. Weiss eigentlich jemand wie der heisst? Egal. Jedenfalls schläft er jetzt im eigenen Bett in Trabi-Form.


Sarkozy und Bruni im Elysee Palast
Ganz anders sieht die Sache bei Monsieur Sarkozy aus. Immerhin residiert er standesgemäss in einem Palast, den er zweifelsfrei bis unter die Stuckdecken mit vergoldeten, lackierten und polierten Antiquitäten angefüllt hat. Nicht fehlen dürften bei ihm auch die teuersten, neusten technischen Applikationen und Gadgets. Remote Control wendet er auf alles an, was fernbedienbar ist: Die Vorhänge, die B&O Anlage, die Sockenschublade, Angela Merkel. Den Schuhschrank teilt er sich mit seiner Carla, wobei ihre Ballerinas oben sind und seine High Heels unten, damit er ohne Tabourettli dran kommt. C’est magnifique!

Man erlaube mir zum Schluss ein paar Worte zu Silvio Berlusconis Altersresidenz: Was er hat, davon träumen Dutzende seiner Kollegen, Kontrahenten und Kollaborateure gleichermassen. Silvio verbringt seinen Lebensabend in einem italienischen, auf  Versace gestylten Playboy Mansion, wo er sich mit willigen Dienstmädchen und sündhaften Haushälterinnen umgibt. Er spritzt sich täglich eine Portion Botox, hat eine Viagra-Fabrik gekauft, lässt sich die Haare von Cicciolina färben und  begrüsst jeden weiblichen Besucher mit der Frage: Do you speak Bunga Bunga?

Anführer, Meinungsmacher und Hoffnungsträger! Habt Mut! Tut etwas Revolutionäres. Etwas, das euch Angst macht bis in die Knochen: Sucht euch für das nächste WEF eine Davoser Gastfamilie mit durchschnittlichem Haushaltsgeld und seht, riecht, schmeckt, erlebt und lernt wie das richtige Leben so spielt. 

Cardow, The Ottawa Citizen / Bild: www.cagle.com



Freitag, 27. Januar 2012

Weissheit

Weiss. Eine Farbe. Gerüchte behaupten, Weiss sei nichts. Ich behaupte Weiss ist alles. In meiner Welt ist Weiss die Krönung. Weiss ist der Nachweis dafür, dass die Welt farbig ist. Weiss eröffnet Möglichkeiten und bietet Chancen. Weiss ist gut. Im Sinne von tugendhaft. Westen müssen weiss sein. Friedenstauben auch. Magie unbedingt. Porzellan sowieso. Weisse Flaggen lassen sogar die Waffen ruhen. 

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Weiss ist eine Offenbarung. Erst wer diese Farbe verstanden hat, wird auch die restlichen zu schätzen wissen. Ihre Unbuntheit ermöglicht erst die Farbigkeit. Ohne Weiss wären alle anderen Farben kraftlos. Weiss hat viele Gesichter. Es ist sanft, sinnlich, zart, unschuldig. Aber auch hart, kraftvoll, unbequem. Still ist Weiss und herausfordernd zugleich. Weiss ist immer irgendwie dabei. Ähnlich wie eine Frau. Stets liebenswert und unberechenbar.

Und  dann bietet Weiss diese köstlichen Nuancen mit fabelhaften Bezeichnungen: Creme, Eierschale, Natur, Ecru, Vanille, Puder, Elfenbein, Wollweiss, Perlmut, Panna Cotta, Mandelweiss, Biskuit, Antikweiss, Blütenweiss, Leinen, Geisterweiss, Mintcream, Old Lace.  Fantastisch, nicht wahr? Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich ein Schloss besässe, dann möchte ich es bitte in profundem Geisterweiss streichen. Die Gespenster werden gar nicht mehr auffallen. Es sei denn sie poltern. 

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Weiss im Raum übrigens, lässt die grösstmögliche Vielfalt zu. Wenn es dominiert, können Farben, Texturen und Oberflächen je nach Stimmung und Gusto ausgewechselt werden und es entsteht jedes Mal ein neuer Look. Wenn starke Farben eingebracht werden, wird daraus ein tollkühner Spielplatz. Wenn sämtliche Schattierungen von Weiss hinzugefügt werden - zu denen auch Braun, Grau und Schwarz gehören dürfen - dann wird es zum Ort der koketten Stille und der ausgelassenen Ruhe.

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Weiss ist also immer richtig und angebracht. Nur bei Schuhen sollten Sie darauf verzichten. Das ist etwas für Bräute. Im richtigen Leben jedoch, sehen sie bei der Dame aus, als ob sie Schweinsfüsse hätte und beim Herrn fällt  brutal ins Auge, dass er kein John Travolta ist.



Im Grossen und Ganzen jedoch, ist man mit Weiss stets richtig gewickelt, gestrichen, eingerichtet, und anrichten sollten Sie Ihr Essen sowieso nur auf weissen Tellern, wenn Sie nicht wollen, dass der Spinat im Versace Muster untergeht. Edel sei das Weiss, hilfreich und gut. Das wusste schon Goethe.

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Freitag, 20. Januar 2012

Seereisen

Vor genau 100 Jahren sank die Titanic. Luxuriös und unsinkbar riss sie 1500 Mensch in den Tod.  Die wohl berühmteste Havarie der Weltgeschichte hat in all diesen Jahren kein bisschen an Schrecken, Verblüffung und Romantik verloren. An Bord der Titanic starben viele bedauernswerte Menschen, aber es waren die ertrunkenen reichen Leute, die den Untergang legendär gemacht haben: Darunter waren John Jacob Astor, Benjamin Guggenheim und Isidora und Ida Straus. Von Mr. Guggenheim wird gesagt, dass er Frauen und Kindern in die Rettungsboote geholfen habe, sich dann in seinen besten Anzug kleidete und verlauten liess, dass er nun bereit sei unterzugehen wie ein Gentleman. Das war wirklich grosses Kino. Das ist Galanterie in ihrer konsequentesten Vollendung. Heute geht der Kapitän als erstes von Bord und erklärt dann, auf seiner Seekarte wäre die Insel nicht eingezeichnet gewesen.

Trotzdem sollte dies niemanden davon abhalten eine Seereise zu machen. Schiffen Sie sich ruhig ein. Machen Sie eine Überfahrt nach New York mit der Queen Mary. Buchen Sie die Luxusklasse, denn nur dann können Sie die Reise im ganz grossen Stil geniessen. Vielleicht müssen Sie ein bisschen Sparen (so circa fünf Jahre lang), bis Sie sich das leisten können, aber dann, ja dann ist es jedes Fränkli wert. Sie werden sich fühlen wie Kate Winslet auf der Titanic und Sie werden beständig „My Heart will Go On“ summen wollen. Summen Sie aber leise, damit die anderen Fahrgäste keine Angst vor Ihnen bekommen. Ebenfalls sollten Sie vermeiden, irgendwo hinauf zu klettern und „I am the king of the world“ zu schreien, und ebenso unpassend ist es, Schmuck in Herzform über Bord zu werfen. Bleiben Sie würdevoll romantisch!

Wichtig, da es weitere finanzielle Konsequenzen nach sich zieht: In der Luxusklasse brauchen Sie zwingend ein paar Abendkleider (so sieben Stück), denn zum Nachtessen muss man die grosse Robe überziehen. Von Southampton nach New York dauert es acht Tage und Sie wollen nicht wirklich zweimal das gleiche Kleid tragen, n’est pas!  Bevor Sie jetzt die ganze Seefahrt wegen drohender Insolvenz über Bord werfen - kleines Wortspiel am Rande - bedenken Sie bei Ihren Überlegungen, dass eine Seereise von diesem Kaliber eine „Once in a life time“-Angelegenheit ist. Ähnlich wie eine Hochzeit. Nur dass man auf dem Schiff beim Auslaufen hofft, keinen Schiffbruch zu erleiden, anstatt beim Einlaufen, und dass man beim Heiraten nur ein Kleid braucht. 

Buchen Sie Ihre Überfahrt auf der Queen Mary 
Sollte wider erwarten der Kapitän der Queen Mary aufgrund grobfahrlässiger Selbstüberschätzung oder akuter Trunkenheit , die Seekarten, das Unterwasserradar, die Informationen der Küstenwache ignorieren und auf Grund laufen, einen Eisberg rammen oder auf einen Flugzeugträger auffahren, dann seien Sie beruhigt: Die erste Klasse wird gemeinhin auch als erstes evakuiert und bekommt beim Verlassen des Schiffs noch ein Give-away. Sollten zu wenige Rettungsboote vorhanden sein, seien Sie bereit, sich von Ihrem Mann zu trennen oder üben Sie mit ihm bereits vor der Abreise, wie er in Frauenkleidern authentisch rüber kommt. Vermeiden Sie es, über Bord zu springen. Das Wasser ist kalt und würde Ihre Frisur ruinieren. Bewahren Sie Ruhe, legen Sie nochmals Lippenstift auf und nehmen Sie sich diese alte Seemannsweisheit zu Herzen: Verlasse niemals das Schiff, bevor es dich verlässt.

Geniessen Sie das Leben.
Sie wissen nie, wann es Sie verlässt.

Titanic 1912
Costa Concordia 2012

Donnerstag, 12. Januar 2012

Schöne Worte Teil 2: Locations mit Esprit

Natürlich kann man sich aufregen über hochgestochene Redensarten, die gerne schon mal als Schaumschlägerei bezeichnet werden. Intellektuell gesehen ist es auch überhaupt nicht nötig, andere Bezeichnungen als unmissverständlich deutsche für ganz alltägliche Plätze und Räumlichkeiten zu verwenden. Zwar kann man das eigene Zuhause als Hütte oder gar Bruchbude bezeichnen. Aber wer will denn schon solch garstige Worte hören. Das Leben ist doch wirklich schon schwer genug. Erquickender ist es, sich dem schöngeistigen Wandeln durch vielerlei Hallen und Salons hinzugeben und mit verklärtem Blick sanfte Worte für Orte, Plätze und Treffpunkte zu verwenden. Lieber Haute Volée im Vestibül als gar kein Geld, meine Damen und Herren.

Vestibül Schloss Bernrath
Vestibül
Dieser Ausdruck bezieht sich auf die Eingangshalle und diese wiederum ist vielerorts zu finden. Was für ein Glück! Man kann übrigens auch ganz frech seinen Hauseingang so bezeichnen. Man muss es nur tun. Diesen augenscheinlich konspirativen Treffpunkt sollten Sie unbedingt beim ersten Rendez-vous einbringen. Wenn Sie sich zum Kinobesuch verabredet haben, dann richten Sie aus, dass Sie sich im Vestibül treffen werden. WennIhr Herzbube zehn Minuten über der Zeit verzweifelt mit dem Handy anruft um mitzuteilen, dass er beim besten Willen den Westflügel nicht finden kann, dann parieren Sie bitte mit den Worten: Es hätte eine Romanze werden können, doch offensichtlich scheitert sie bereits am V-Punkt. Ich bin untröstlich!


Beletage
Die ist immer dort, wo die Herrschaft wohnt. Meistens im Obergeschoss. Nie im Parterre. Obwohl man von solchen Kinkerlitzchen in der Neuzeit auch mal absehen kann. Heute ist die Beletage dort, wo die Musik spielt, sprich die Landhaus Diva wohnt. Laden Sie Ihre Freunde zum Tee in die Beletage Ihres Stadtpalais ein. Sie werden überrascht sein, welche Mühe sich Ihre Gäste geben, um dem Anlass gerecht zu werden. Adrett ausstaffierte und manierliche Gesellschaften sind ein Genuss. Seien Sie bereit, nebst Petit Fours und Earl Gray auch Champagner oder Sherry zu reichen, und schon wird aus einem gewöhnlichen Kaffeeklatsch eine nachmittägliche Lustbarkeit. 

Christina Aguilera's Boudoir
Boudoir
Was heute einen leicht anrüchigen Klang hat, war früher der Raum, in den sich die Dame des Hauses zurückzog. Später wurde auch das Ankleidezimmer so bezeichnet. Das Boudoir rollt aber so schön auf der Zunge und sollte verbal durchaus öfter verwendet werden. Auch wenn kein Ankleidezimmer vorhanden ist, so kann doch eine Lady heute von diesem fantastischen Ausdruck gebrauch machen, um sich Besuchern zu entledigen, die ihre Gastfreundschaft bereits überstrapaziert haben. Niemand wird es ihr übel nehmen, wenn sie seufzend erklärt: Ich fürchte es ist jetzt Zeit, dass ich mich in mein Boudoir zurück ziehe.  

Schönen Worten kann keiner widerstehen. Wenn sie auch nur Blendwerk sind, so sind sie doch genau so verführerisch wie eine Tarte au Chocolat und genau so süss. Dass sie so selten Verwendung finden macht sie und den, der sie ausspricht, umso attraktiver. Gehen Sie also nie ohne ein paar schöne Worte aus dem Haus.

Freitag, 6. Januar 2012

Poschter-Willy und Paul Morocco


Willy, gennant Poschter-Willy, ist Fotograf mit Herz und Seele und der erklärte Liebling aller deutschsprachigen Promis. Eigentlich ist er bereits im Ruhestand, aber einmal pro Monat lässt er sich noch für einen Gig anheuern. Dann packt er seine sieben Sachen und reist an die Orte des Geschehens. Wohlverstanden bucht Willy seine Reisen frühzeitig, damit er noch einen guten Preis kriegt. So circa ein Jahr Vorlauf ist wünschenswert. Da kommt man schon mal zu 75 Euro in einer viel-sternigen Nobel-Bleibe unter. Willy erzählt dies gerne jedem, den das interessiert. Und den anderen auch. Und zwar im schönsten Schwäbischen Dialekt.

Letzter Schauplatz von Willys Performance war der Silvesterstadl 2011 in Graz. Eine allseits beliebte Eurovisions Fernsehproduktion, bei der die Stars und Sternchen der Volks- und Schlagermusik zum alljährlichen Jahresend-Folklorisieren und Silvester-Schlagern bei Andy Borg aufkreuzen. Drei Tage lang wurde auf den Holdrio-Bühnen geprobt, geflucht, getrunken, gejohlt und schlussendlich gelivesendet. Alles was Rang, Namen oder einfach einen guten Manager hatte, traf man in den Gängen, den Katakomben, den Garderoben, den Hotellobbys rund um den Austragungsort. Und immer war Poschter-Willy mit seiner Kamera zur Stelle. Zuverlässig, wie er eben ist.

Poschter bedeutet übrigens Poster, also grossformatiges Foto, auf Schwäbisch. Und Willy ist nicht nur ein Vorzeige-Schwabe, sondern Poschter-Willy ist auch beliebt. Weil er Herz hat. Willy ist kein Paparazzo. Willy ist bodenständig, sparsam, korrekt und schlau. Er macht hübsche Fotos. Nichts Kompromitierendes. Nur Vorteilhaftes, Liebliches, Fröhliches. Ausserdem reist Willy stets mit seinem ganz persönlichen Drucker an. So kann er seine Fotos vor Ort direkt auf Postergrösse ausdrucken und die Stars bekommen dann beim Frühstück bereits ihre Schnappschüsse geliefert. Dieser Service ist einzigartig, wird von allen geschätzt und hat Willy den Übernamen Poschter-Willy eingebracht.

Paul Morocco
Paul Morocco hingegen ist das pure Gegenteil von unserem Willy. Er ist ein Vollblutkünstler, Artist, Gittarist, Jongleur, Sprücheklopfer. Paul ist beim Silvesterstadl aufgetreten. Fuliminant hat er Gitarre gespielt, Pingpong-Bälle mit dem Mund jongliert, Olé gerufen und Faxen gemacht. Das Publikum war begeistert. Er hat die Herzen der Zuschauer im Sturm erobert. Und nicht nur das. Paul macht Klamauk wo immer er geht und steht. Am Frühstücksbuffet jongliert er mit dem anwesenden Obst, im Flughafenbus spielt er Gitarre auf dem Weg vom Terminal zum Flugzeug. Paul Morocco ist Paul Morocco und zwar von innen heraus. Seine Leben ist eine Bühne und die Welt ist sein Publikum. Da kann man schon mal ein bisschen abgelenkt werden von banalen Nichtigkeiten. So geschehen am Morgen nach dem Silvesterstadl.

Poschter-Willy - immer bereits drei Stunden vor Abflug am Flughafen, weil er weiss, dass es besser ist, wenn man frühzeitig dort eintrifft, weil man eben nicht weiss, was noch alles dazwischen kommen könnte - steht in der Hotel Lobby und wartet auf sein Taxi. Dort trifft er auf Paul Morocco, der mit gefühlten 50 Gepäckstücken, allesamt unförmig und übergross, ebenfalls dort wartet. Sie kommen ins plaudern. Dabei wird folgendes Dilemma festgestellt: Paul hat seinen Flug verpasst, er weiss nicht mehr, wohin er hätte fliegen sollen, sein Ticket ist nicht mehr auffindbar und er hat seinen Nachnamen vergessen. Es muss eine rauschende After-Show-Party gewesen sein. Soll keiner sagen, der Musikantenstadl seine eine lahme Veranstaltung!

Poschter-Willy ist schockiert, kommt aber sofort in die Gänge. Er hat eine Idee. Es gibt doch bestimmt schon Bilder in der Presse. Er greift sich das im Hotel aufliegende Steierische Käseblatt und siehe da, ein ganzseitiger Artikel ist drin mit einem Foto von Paul inkl. Bildunterschrift und flugs wissen wieder alle wie sie heissen. Poschter-Willy ist jetzt ganz in seinem Element. Er fährt mit dem Taxi voraus zum Flughafen. Er hat Paul versprochen, dass er am Schalter bereits sein Kommen ankündigen würde und man dann sicher dort herausfinden könne auf welchen Flieger er müsse. Ebenfalls würde er die Crew vorab darauf aufmerksam machen, dass noch 50 Gepäckstücke irgendwie auf den Flieger müssten. Willy marschiert also zum Schalter, hält dem Bodenpersonal den Zeitungsausschnitt hin und meldet das Eintreffen Pauls des Grossen. Die Dame am Schalter hat am Abend zuvor ebenfalls den Silvesterstadl geschaut, erkennt Morocco wieder und findet ihn auf ihrer Liste. Hurra! Paul hatte die gleiche Destination wie Willy gebucht und es gibt noch einen freien Platz auf Willys Maschine. Die Eincheck-Lady meinte aber, Paul müsse sich noch identifizieren, wenn er käme. Willy sagt, das sei kein Problem, er könne ja die Pingpong-Jonglier-Nummer vom Stadl vorführen. Alle sind einverstanden.

Morocco kommt, spuckt mit Pingpongbälle, spielt Gitarre, bringt Stimmung in den gesamten Grazer Flughafen, checked 50 Stück Gepäck ein, darunter ein Sitzball, bei dem die Luft nicht abgelassen werden kann und einen 2 Meter langen Kontrabass, marschiert dann zum Security-Check, spielt Mundharmonika, legt sich selbst auf’s Röntgenband, was ihm verweigert, aber nicht übel genommen wird und gesellt sich dann zu Poschter-Willy, der seine Geschichte bereits seinen Mitfliegern erzählt hat. Als Morocco sich dazu setzt, wischen sich alle die letzten Lach-Tränen aus den Augen und applaudieren. Der Applaus gilt weniger Paul dafür aber 100% Poschter-Willy und seiner auf Schwäbisch erzählten wahren Satire, die das Leben ihm schrieb.

Das Boarding hat bereits begonnen, als Morocco noch zwei Würstchen mit Brot bestellt und diese dann seelenruhig verzehrt, als auch der letzte Passagier bereits an Bord gegangen ist. Morocco hat die Ruhe weg. Wahrscheinlich nicht nur das. Am Ende sitzen alle glücklich im Flugzeug. Poschter-Willy hat in vier verschiedenen Gepäckablagen seinen Drucker, seinen Laptop, sein Reise-Büro, seine Jacke und eine Banane verstaut und Paul döst auf seinem Platz ruhig vor sich her. Während des Fluges werden Schokoriegel verteilt, die Poschter-Willy bei seinen Bekannten einsammelt, um sie Morocco zu schenken, weil der arme Kerl ja gar nichts zum Frühstück bekommen hat und der ja sonst nichts zu essen kriegt. Am Flughafen München angekommen, verabschiedet sich Paul bei Willy, denn der muss seinen Zug kriegen und er muss frühzeitig am Bahnhof sein, denn man weiss ja nie, was einem noch so dazwischen kommen könnte.

Paul steht nun wieder alleine da. Etwas verloren. Die Schlagersängerin, Géraldine Olivier nimmt sich seiner an und erkundigt sich, wohin er jetzt müsse. Hat er vergessen. Er zieht einen Stapel Bordkarten und Flugtickets aus der Tasche. Von weitem kann man noch beobachten, wie Géraldine Olivier eifrig die Bordkarten sortiert und Paul Morocco fröhlich Schokoriegel an Kinder verteilt.

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