Donnerstag, 7. Juni 2012

Charming Shops: Bei L’Air du Sud gibt es Nahrung für die Seele


Das Geschäft voller liebenswerter Accessoires und Wohnutensilien liegt in einer kleinen Nebenstrasse direkt am Zürichsee in Horgen. Man muss die Haupteinkaufstrasse verlassen, um es zu finden. Am schönsten ist es, wenn man per Zufall darauf stösst. Dann fühlt es sich ein bisschen an, als ob man einen Schatz entdeckt hat, denn wenn man über die Schwelle tritt, ist es fast, als ob man eine andere Welt betritt. Eine heile, freundliche und liebevolle. Der Shop ist in einem über 100 Jahre alten Haus beherbergt, dessen Innenarchitektur perfekt zum Stil der angebotenen Ware passt. L’Air du Sud steht für einen hellen, zarten Landhausstil, der im Süden Frankreichs aber auch in Dänemark und Schweden anzutreffen ist.
    
Die Inhaberinnen Lisa Kucera und Hana Gucher möchten ihren Kunden Accessoires und Kleinmöbel anbieten, die von der Ästhetik leben. Dinge, die nicht zwingend einen Zweck erfüllen - ausser, dass sie dem Auge Freude bereiten und somit die Seele nähren. Natürlich gibt es auch ganz viel Nützliches und Praktisches, aber Lisa Kucera erklärt, dass ihre mehrheitlich weiblichen Kunden ganz oft in ihr Geschäft kommen, um sich selbst etwas Gutes zu tun. Um sich zu belohnen, um einen persönlichen Erfolg zu feiern oder sich einen harten Tag zu versüssen. Man könnte auch Schokolade essen oder Schuhe kaufen. Oder eben zu L’Air du Sud gehen, einmal durch den Laden schlendern,  sich von der Sinnlichkeit der Atmosphäre dort berühren lassen und sich gleich noch etwas fürs Herz mit nach Hause nehmen. Schon ist der Tag gerettet.  

Für die Inhaberinnen ist es wichtig, dass in ihrem Laden jeder etwas Hübsches findet, dass es eine gute Beratung gibt und dass man sich bei ihnen wohl fühlt. Ausserdem sind sie sich bewusst, dass nicht jeder ein grosses Budget zur Verfügung hat, deshalb ist ihnen die Erschwinglichkeit schöner Dinge ein Anliegen. Und so haben sie darauf geachtet, dass bereits für zehn Franken ein kleines Geschenk ergattert werden kann, das man sich selbst oder einem geliebten Menschen bereiten kann. Ebenfalls findet man bei L’Air du Sud dekorative Produkte aus der Schweiz, die von Menschen mit Behinderungen in liebevoller Handarbeit hergestellt werden.
  
Das Geschäft besteht bereits seit neun Jahren. Lisa Kucera und ihre Schwägerin Hana Gucher, die sich schon in der KV-Lehre kennen lernten und inzwischen beide Kinder haben, waren oft gemeinsam in Inneneinrichtungs-Geschäften unterwegs, die ihnen irgendwie unfertig vorkamen. Unter dem Motto: „Das können wir besser!“, beschlossen sie zu guter Letzt ein eigenes Geschäft zu eröffnen, in dem sie ihrer Freude zu Farben und zu schönen Dingen freien Lauf lassen konnten und gleichzeitig die Kunden damit in ihren Bann zogen. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Inzwischen haben sie bereits ein zweites Geschäft in Feldmeilen eröffnet. 
       
Lisa Kucera erzählt, dass sie privat eher schlicht eingerichtet ist und am liebsten ein Atelier hätte, in dem sie ihre ganze Kreativität ausleben kann. Sie hat eine Passion für die Weberei, stellt Taschen her sowie Quilts und entdeckte gerade das Häkeln wieder. Sie lobt auch ihren Mann, dem es zwar irgendwie ein Rätsel ist, dass seine Frau hauptsächlich mit Dingen Geld verdient, die keinen grösseren Nutzen haben, ihr aber trotzdem tatkräftig zur Seite steht. L’Air du Sud ist ein Familien-unternehmen, das mit grossem Einfühlungsvermögen den Zeitgeist getroffen hat und das seinen Kunden ein Stückchen heile Welt inmitten des Trubels der Gegenwart verschafft. Seit ich diesen Charming Shop entdeckt habe, nehme ich regelmässig den Weg vom Aargau an den Zürichsee unter die Räder und ich wurde noch nie enttäuscht. Mein Landhaus im zweiten Stock ziert so manche aufregende Errungenschaft aus Horgen.
   

Was Frauen für ihr Zuhause wollen, das bietet L’Air du Sud an, und am Ende bleibt sogar noch etwas übrig, damit auch Schokolade und Schuhe nicht zu kurz kommen. Schauen Sie mal vorbei!
 
L’Air du Sud                     
Dorfgass 25                                 
8810 Horgen                   

L'Air du Sud
General Wille Strasse 119
8706 Feldmeilen                             

Di-Fr 9.30–12.00/14.00–18.30
Sa 9.30-16.00 www.l-air-du-sud.ch        








 

     



Freitag, 1. Juni 2012

Fritz ist möff und Pfister out


Was Trendforscher in mühevoller Arbeit erarbeiten mit Hilfe gründlicher Recherche und intensiver Analyse, das erfindet die Verkäuferschaft von eidgenössischen Möbelhäusern flugs morgens vor dem Spiegel beim Zähneputzen und in Anbetracht von Ladenhütern, die sie dringend loswerden wollen. Frau Meier und Frau Huber, seit langem beste Freundinnen und Kennerinnen der hiesigen Innendekorations-Szene, treffen sich zum Frühstück im Manor-Restaurant:

www.artcontrarian.blogspot.ch
 Frau Meier: „Schönes Wohnen ist uns wichtig. Am Weekend haben mein Mann und ich ein neues Sofa gekauft und wir sind richtig glücklich damit.  Wir haben auch eine Farbe gewählt, die jetzt im Trend ist.“ - Frau Huber: „Ach wirklich! Wo habt Ihr es denn gekauft und welche Farbe hat es?“ -  Frau Meier: „Wir waren bei Möbel Pfister. Billig war es nicht, aber immerhin liefern sie alles ins Haus und die Beratung dort ist einzigartig. Sie nehmen auch unser Altes mit, das wir damals ebenfalls dort gekauft haben. 15 Jahre ist das jetzt schon her. Ich hätte ja schon lange ein Neues gewollt, aber Heiri meinte, das Alte sei ja noch tipptopp. Immerhin sei es teuer gewesen und man müsse ja nicht immer gleich wieder alles ersetzen. Da hatte er natürlich Recht. Gut, das Ding hatte den damals total angesagten Multicolor-Look, der mir schon nach zwei Jahren etwas verleidet war, aber wenigsten hat man die paar Bratensaucen-Flecken nicht gesehen. Weisst Du, der Heiri isst gerne vor dem Fernseher, wenn Fussball läuft.“ - Frau Huber: „Ja, so was ist sehr praktisch. Wir haben auch so einen mint-farbigen Divan, der mit schmutzabweisendem Stoff bezogen ist. Welche Farbe hat denn Euer neues Sofa?“ - Frau Meier: „Es ist aus senffarbenem Leder und ist von De Sede. Die Verkäuferin hat gesagt, dass diese Farbe jetzt absolut in sei. Heiri fand zwar, dass ihm ein schwarzes Sofa besser gefalle, weil es zeitlos sei, aber ich habe ihn davon überzeugen können, dass man sich auch in unserem Alter noch etwas Modernes ins Wohnzimmer stellen kann. Die Verkäuferin meinte auch, dass so ein Farbklecks ein Zimmer komplett verändern könne. Das wirke dann alles viel frischer.“ 

Frau Huber: „Das ist schon wahr. Der Verkäufer von Möbel Märki hat damals genau das Gleiche gesagt, als wir uns für den Mint Divan entschieden haben. Wir haben dann auch noch Vorhänge mit Mint Schmetterlingen bei Märki machen lassen, damit die Farbe wieder aufgegriffen wird. Der Verkäufer war sehr nett. Er hat mich auf diese Idee gebracht. Das sind eben schon Profis dort. Die wissen, wovon sie sprechen. Die Vorhänge haben über Zweitausend Franken gekostet. Fritz war danach zwei Wochen lang möff, weil ich die Vorhänge einfach bestellt hatte, ohne ihn zu fragen. Aber jetzt findet er sie auch schön.“ - Frau Meier: „Ja, gell Gerda, es ist manchmal schon schwierig mit den Männern. Für schöne Dinge haben sie einfach keinen Sinn. Mein Heiri hat auch nicht verstanden, dass ich noch Kissen, Teppiche, Kerzenständer und zwei Lampen in senf-ähnlichen Farben kaufen wollte. Aber ich habe mich durchgesetzt. Schliesslich verstehe ich etwas vom Einrichten. Das sagen meine Freundinnen auch immer. Ich muss Heiri jetzt nur noch davon überzeugen, dass wir auch die Vitrine ersetzen müssen. Die Verkäuferin bei Pfister hat mir nämlich diese  Wohnkombination Urban gezeigt. Davon gibt es Sideboard, Kommode und Lowboard.“ - Frau Huber: „Was ist denn ein Lowboard?“ - Frau Meier: „Das ist ein tiefer gelegtes Siedeboard. Ist jetzt total im Trend. Da kann man dann den Fernseher drauf stellen. Und die ganze Serie ist im gleichen Stil und mit dem gleichen Holz, damit alles schön zusammen passt. Gut, sie ist jetzt nicht billig, aber immerhin haben wir ganz lange etwas davon und dieses dunkle Holz ist jetzt total angesagt. Das habe ich schon im Schöner Wohnen gesehen. So was Ähnliches hat auch Beni Thurnheer zu Hause.“ - Frau Huber: „Ehrlich? Ihr kennt den?“ - Frau Meier: „Nein, aber in der Home-Story von der Schweizer Illustrierten habe ich es gesehen.“ - Frau Huber: „Ja, der Beni hat eben Geschmack. Das war mir schon immer klar. Er  hätte sich jetzt nicht unbedingt von seiner Frau trennen müssen, aber eben, man will ja auch mal was Modernes, Frisches zu Hause.  Sag mal, musst Du dann an Weihnachten auch anderen Baumschmuck kaufen? Ich frage nur, weil ich wegen dem Mint Divan alles Mint Kugeln und Lametta und so gekauft habe. Fritz fand das total übertrieben und hat sich im Globus an der Bar einen angesoffen, während ich Kugeln gesucht habe. Ich musste ihn regelrecht von der Bar wegzerren, während er ständig gelallt hat:  Fröhliches Kugeln mitenand. Und: Ho, Ho, Ho, wir sind im Mintermunderland. Weisst du, wie peinlich mir das wahr? Schrecklich kann ich dir sagen!“ - Frau Meier: „Du Arme, das ist ja schlimm. Aber ist gut, dass Du es mir erzählst. Ich werde dann ohne Heiri Weihnachtsschmuck kaufen gehen. Ich hoffe nur, dass es dieses Jahr wieder diese senffarbenen Kugeln gibt, die ich letztes Jahr schon gesehen habe. Da fand ich die noch unmöglich, aber jetzt, wo wir das Sofa haben und die Verkäuferin mir versichert hat, dass dies die Farbe des Jahres ist, da muss ich natürlich auch den Baumschmuck haben, damit alles schön zusammen passt. Du weisst ja: Ich wohne gerne schön.“
www.miraclesofthearts1.blogspot.com

Ich muss jetzt mal ketzerisch etwas offenbaren: Leute, die diesen letzten Satz immer und immer wieder äussern, haben in den allermeisten Fällen keine Ahnung von Innendekoration. Ganz zu schweigen von Harmonie und Ästhetik in diesem Bereich. Diese Spezies ist in der örtlichen Häkelgruppe hyperaktiv, fährt mit Vierzig zum Selbstfindungs-Malen in die Toskana und zwingt ihren Heiri in der verzweifelten Endphase zum tantrischen Kreistanz, weil Frau Hugentobler gesagt hat, dass sei jetzt der letzte Schrei. Es muss einfach mal gesagt werden: Möbel-Pfister-Wohnkombination-Einkäufer sind Schafe, die von der Klippe springen würden, wenn der Verkäufer sagt, dass dies gerade im Trend ist. 

Etwas zu kaufen, das über tausend, hart verdienter Schweizer Fränkli kostet, nur aufgrund eines vorübergehenden Trends, ist überaus töricht, ausser man ist Multimillionär. Der Durchschnittsverdiener sollte davon tunlichst die Finger lassen. So was hat schon Banken in den Untergang getrieben. Etwas, dass hipp ist, man sich ins Wohnzimmer stellt und nächstes Jahr wieder out ist, das muss möglichst kostengünstig sein, damit man es schnell wieder loswerden kann. Sonst steht es da noch zehn Jahre später und verpestet das Wohnklima. Ein dreifaches Hoch auf IKEA. Und ein zünftiges Buh an die helvetischen, heiligen Möbelkühe Pfister, Müller, Ferrari, Schubiger und sonstige nicht vorhandenen Stilikonen. 

Schönes Wohnen kann man sich nicht als Kombination bei Pfister kaufen. Es entsteht erst, wenn man sich Zeit nimmt, sich umschaut, die Trends wahrnimmt, aber sie nicht zum Statussymbol erhebt, sich dann aus liebevoll gesammelten Einzelstücken ein Zuhause zusammen schustert, das alle Aspekte eines ganz individuellen Lebens vereint. Ein Sofa, das nicht schmutzabweisend und nicht von Rolf Benz ist, ist ein authentischerer Zeuge eines erfüllten Lebens als ein überteuerter Divan von de Sede und Fritz wäre ganz bestimm weniger möff.

www.worldartresources.com

Donnerstag, 24. Mai 2012

Landhaus Diva Portrait

Tamara Krieger: La Landhaus Diva ganz privat

 

Mein Landhaus ist eine Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses im Aargau mit wunderbarem Blick auf den nahen Waldrand. Hier bin ich ganz Diva. Hier kann ich  mich ganz und gar entfalten. Mein Refugium ist ein Sammelsurium ausgesuchter Einzelstücke, Altertümlichkeiten, Mainstream-Möbeln von IKEA & Co. sowie Skurrilem, das meinem Zuhause meinen ureigenen Stempel aufdrückt. Es lebt von den vielen Kleinigkeiten, die ich behutsam zu Stillleben arrangiere. Es strahlt Ruhe und Gemütlichkeit aus, die von liebevollen und überraschenden Anblicken durchbrochen werden. Ich bin eine Romantikerin mit einem Hang zur Exzentrik, der in meinem Heim ganz explizit zum Ausdruck kommt, weil mir das Ungewöhnliche am Herzen liegt.

Anordnung von Kindern und einer Eule im Wohnzimmer
 
Ich treibe mich gerne in Brockenhäusern und auf Flohmärkten im In- und Ausland herum. Wenn ich ein Stück entdecke, das von der Ästhetik verlassen scheint, ich aber die verborgene Schönheit darin erahne, dann muss ich es einfach mitnehmen. Den Liebreiz später sichtbar zu machen, ist mein grösster Triumph. Ich male Möbel an, Bilder um, oder setzte Einzelteile neu zusammen. Oft bleibt ein Stück lange im Atelier stehen, weil ich keine Idee habe, wie ich es verwandeln kann. Doch irgendwann kommt immer das grosse Heureka und der Phönix erhebt sich aus der Asche.

Stillleben im Gästebad
 
Wenn ich auf Beutezug bin, dann müssen regelmässig auch Bilder,  Kleinmöbel, Büsten oder Lampen mit, für die in meiner Wohnung kein Platz ist. Diese warten dann im Keller auf ihren Einsatz, der früher oder später kommt – im eigenen Heim, im Zuhause von Freunden oder Kunden. Als Landhaus Diva erkenne ich Potential, wenn es mir über den Weg läuft. Weil mein Stil von der Abwechslung lebt, weiss ich auch, in welchen Geschäften man gute  Stücke und Accessoires findet, die den Look vervollständigen. Das Auskundschaften dieser Shops bereitet mir die grösste Freude und ich bin immer wieder berührt, ob der Passion, welche die Ladenbesitzer an den Tag legen. Oft sind es verwandte Seelen. 

Eingangsbereich mit gesammelten Portraits
 
Ein furchtlosen Umgang mit allem, was das Leben anmutiger, vergnügter, aufregender macht, ist mir angeboren und ich erachte es geradezu als meine Pflicht, die Objekte zum Leben zu erwecken, die mit Klischees besetzt sind, profan, spiessig oder morbid erscheinen. Das Geheimnis ist es, den Blickwinkel zu wechseln und auf seine Intuition zu hören, damit die Schleusen der Kreativität sich öffnen und  sich plötzlich ungeahnte Möglichkeiten ergeben. Manche mögen Benzin im Blut haben, ich habe Champagner im den Venen, Perlen am Hals und den Willen die ganze Welt zu schmücken.


La Landhaus Diva




Die menschliche Seele
braucht Schönheit
in noch höherem Mass
als Brot.

D. H. Lawrence




Detail Madonnas im Wohnzimmer
Wohnzimmer 
Detailansicht Wohnzimmer

Männchen im Gang
Skulpturen im Wohnzimmer
Ankleidezimmer
Detailansicht Ankleidezimmer
Detailansicht Madonnenbilder im Schlafzimmer
Antikes Grabkreuz im Schlafzimmer
Nachttischchen
Einblicke ins Atelier
Bücherregal im Atelier
Pinboard voller Inspirationen im Atelier
Wohnzimmer mit Diva

Donnerstag, 17. Mai 2012

Patina - Der vorbildliche Makel


Meine Grossmutter kochte am liebsten mit Bratpfannen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Sie wurden niemals abgewaschen, sondern lediglich mit einem Tuch ausgewischt. Das war ganz wichtig und wir wurden schon als Kinder dahingehend instruiert. Diese Pfannen waren innen und aussen fast schwarz. Sie hatten Patina. Natürlich werden die Hygienefanatiker jetzt die Hände in die Höhe werfen und sich vor Ekel schütteln, aber was soll ich sagen: Sie wissen halt nicht, was ihnen entgeht. Ich koche noch heute mit einem Bräter, den ich von meiner Grossmutter übernommen habe und an dem aussen Saucenreste der letzten sechzig Jahre eingebrannt sind. Dem Boeuf Bourguignon, das ich darin zubereite, ist das egal, und denen, die es essen, ebenfalls. Der Geschmack zählt und der ist fantastisch. Der Look ist für einmal Nebensache.
 
Source: www.thefleastyle.com

Nicht so bei Möbeln. Dort ist Patina auch von aussen wünschenswert. Stücke, die abgeliebt, aufgeplatzt oder rostbefleckt sind, wirken authentisch, familiär und passen mit ihrem Charme in jedes Heim. Ausserdem sind sie im Umgang sehr pflegeleicht und können gut mit Kindern. Man kann sie ohne schlechtes Gewissen abschmirgeln, anmalen, absägen oder sie ganz einfach so lassen wie sie sind – ramponiert aber herzlich. 

Source: www.thefleastyle.com

Im Gegensatz zu leicht verschlissenem Mobiliar sind richtige Antiquitäten eine heikle Angelegenheit, weil sie so Ehrfurcht einflössend und poliert sind. Meistens haben sie einen beachtlichen monetären Wert, was bedeutet, dass es nicht opportun wäre, das dunkle Mahagoni einfach weiss zu streichen. Obwohl ich so was natürlich ohne mit der Wimper zu zucken tun würde. Man kann nichts mitnehmen, meine Damen und Herren, schon gar keine Louis XV Kommode, ausser man lässt sich darin begraben. Immerhin wäre das ein ganz schön fulminanter Abgang. Chapeau, wer sich das traut!

Source: www.thefleastyle.com

Jedenfalls erspart man sich viel Ärger mit der Nachkommenschaft, wenn man sich auf wenige echte Antiquitäten beschränkt und dafür umso mehr liebenswerten alten Kram anschafft, der den Look auflockert und erst noch kostengünstig ist. Patina muss her. Sie bringt Behaglichkeit. Unvollkommen, wie sie nun mal ist, hat sie doch das pure Leben in sich. Die Ehrlichkeit eines Möbels mit Erfahrung ist es, was den Unterschied macht. Altersflecken auf einem Bild, abgewetzte Stellen auf einem Sofa, abgesplitterte Farbe an einem Schrank, ein abgebrochener Finger an einer Statue, angerostete Gartenstühle. Hinter all diesen scheinbaren Verunstaltungen, Fehlern und Unvollkommenheiten stecken Geschichten, die von Schusseligkeit, Vergnügen und Geselligkeit erzählen.

Source: www.thefleastyle.com
Eine Einrichtung ist wie eine grosse Familie. Damit sie einem Geborgenheit geben kann, muss im Idealfall alles mit dabei sein: Der liebenswerte Grossvater in Form eines uralten, weisen Lehnstuhls. Die Mütterlichkeit einer in Würde gealterten Anrichte, die mit etwas Farbe gekonnt und glamourös im Rampenlicht steht. Die Jugendlichkeit einer brandneuen, unbeschwerten Designerlampe und natürlich die Exaltiertheit eines Empire-Tischchens mit goldenen Klauenfüssen. Harmonie entsteht dort, wo die Unterschiede zu einem aufregenden Ganzen zusammen wachsen.

Perfektion ist eine endlose Aneinanderreihung von blassen Makellosigkeiten. Patina jedoch erweckt die Vollkommenheit erst zum Leben. 


Source: www.thefleastyle.com


Last night as I lay
Sleeping I dreamt
O’marvelous error,
that there was a
beehive here inside
my heart and the
golden bees were
making sweet honey
from all my failures.

Machado de Assis

Donnerstag, 10. Mai 2012

Das Glück einen Vogel zu haben


Erinnern Sie sich noch an die Lobby von Norman Bates Motel im Film „Die Vögel“? Voller ausgestopfter Flattertiere mit gelben Augen. Brillant von Hitchcock in Szene gesetzt. Viel weniger einschüchternd waren  Amsel, Drossel, Fink und Star, die in den Vitrinen beim Schulhauseingang sassen, obwohl sie immer leicht verstaubt waren. Heute würde sich manche Interior Stylistin so eine Vitrine wünschen. Diese zum Beispiel. Gibt es denn etwas Schöneres als eine Stockente im Wohnzimmer zu haben? Sie finden es pietätlos sich tote Tiere ins Bücherregal zu stellen? Na da entgeht Ihnen aber etwas!

http://pinterest.com/landhausdiva/animal-inspired-interiors/
Ich würde mir ein Lämmchen wünschen oder einen Schwan, aber fachmännisch präparierte Tiere sind teuer. Aus gutem Grund: Das Handwerk des Tierpräparators, auch Taxidermist genannt, gibt es seit dem 18. Jahrhundert und erfordert grosses Können und weitreichendes Wissen um die Anatomie der Tiere. Ausserdem muss ein Präparator immer auch ein Künstler sein. Im 18. Jahrhundert wurden Tiere wie Kopfkissen ausgestopft. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ging man dazu über, einen Grundkörper aus Ton, Holz, oder gepresstem Stroh herzustellen, was grosses gestalterisches Talent voraussetzt. Danach wird die Tierhaut gegerbt, auf den Grundkörper aufgezogen und die Gliedmassen oder Flügel sowie der Kopf fixiert. Zwei Glasaugen kommen noch dazu und am Ende wird der Rumpf fein säuberlich zugenäht. Fertig. Fast wie in der Beauty Klink. Schönheitschirurgie ist im Grunde auch nichts anderes als Taxidermie am lebenden Objekt.

Picture Source: http://pinterest.com/landhausdiva/animal-inspired-interiors/

Hauptsächlich zu Studienzwecken wurden Tiere früher präpariert. Leider erlagen auch skrupellose Kolonialherren ihrer Faszination und erhoben sie zu begehrten Jagdtrophäen, die sie zu einem Symbol sinnlosen Tötens machten. Heute werden legal erlegte Wildtiere sowie Haustiere auch aus nostalgischen Gründen gerne ausgestopft. In der Kunst haben präparierte Viecher einen besonderen Stellenwert. Nicht wenige angesagte Künstler integrieren sie in ihre Arbeiten. Aus einigen Taxidermisten wurden Künstler, die mit ihren Werken den sanften Liebreiz, die rohe Wildheit oder die abgrundtiefe Schönheit der Lebewesen in ihren Werken zu erfassen mögen. 

Kunstwerk von Polly Morgan, www.polymorgan.co.uk
 
Es wäre also wirklich schade, wenn man sich die Freude an einem Stopfküken verderben liesse, aufgrund von oberflächlichen Vorurteilen der ungerechtfertigt morbiden Sorte. Dekorieren mit Tieren, die einmal geschnattert, gepiepst oder gemümmelt haben, verleiht dem Raum einen märchenhaften Charme. Ein gelbes Kanarienvögelchen auf dem Nachttisch, ein zünftiger Feldhase neben dem Kamin oder ein anmutiger Fasan auf der Anrichte sind bezaubernde Kunstobjekte, die jedem Besucher ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern und sie vor Neid erblassen lässt. Zugegeben, es brauch etwas Mut und Phantasie, sich anstelle einer Halogenlampe ein Krokodil über den Esstisch zu hängen, aber es lohnt sich einen solchen Schritt zu wagen, denn Exzentriker leben länger und können nach ihrem Tod besser präpariert werden.

Kunstwerk von Polly Morgan, www.polymorgan.co.uk

Ich persönlich habe vor kurzem auf dem Flohmarkt einen stattlichen Erpel zu einem guten Preis erworben, der nun in meinem Wohnzimmer wohnt. Ich fand ihn an einem Stand, der angefüllt war mit Hirschgeweihen und geschnitzten Gämsen. Er stand ganz hinten. Etwas verdeckt. Als ich ihn entdeckte, war es Liebe auf dem ersten Blick. Er ist nicht perfekt. Es fehlen ihm ein paar Federn. Sein Name ist Kaiser Franz und der Schalk sitzt ihm im Nacken. Manche mögen sagen, das Glück dieser Erde läge auf dem Rücken der Pferde. Für mich tut es auch eine Ente. Und ein Hase (Anmerkung der Redaktion). Eins haben alle ausgestopften Tiere gemeinsam: Sie sind zwar tot, dafür absolut stubenrein.

Kaiser Franz



Donnerstag, 3. Mai 2012

Die Ohnmacht und der Afternoon Tea

Image: blog.bt-store.com
Es ist ein Ritual. Ein Moment der Einkehr mitten am Nachmittag.  Es gibt erlesenen Tee und Köstlichkeiten von der Etagere. Es wird geplauscht, geschwatzt und philosophiert.  Es gilt dem kleinen Hunger beizukommen. Und zwar mit Hilfe des Afternoon Tea. Erfunden  wurde er um 1840 am Hofe Königin Viktorias von England.
 
Image: marriedtothesea.com
Zu dieser Zeit geruhte man am Hof nur zweimal täglich zu essen: Spätes Frühstück und noch späteres Dinner.  Und auch dann nahmen die Damen nur kleine Portionen zu sich, sonst passten sie nicht mehr ins Korsett.  Size-Zero-Taille war damals angesagt und Bruce Darnell hätte sich höchstens an einer lebendigen  Hand(e)tasche erfreuen können, wenn die Hofdamen die heimlich gehorteten Sandwiches darin vergassen.
Nun sassen die Ladies in ihren eng geschnürten Kleidern den ganzen Tag herum, stickten, zupften die Laute, klimperten auf dem Spinett oder spielten Karten. Am Nachmittag ging dann die grosse Ohnmacht los. Wenn sie im Garten lustwandeln wollten, konnte es schon vorkommen, dass die Gräfinnen reihenweise beim Aufstehen umkippten, dass die Röcke nur so flogen und die Kammerdiener vor lauter Pumphosen das grosse Halleluja anstimmten. Da half dann nur noch Riechsalz, um die Madams wieder ins Spiegelkabinett zurück zu holen. Und auch dann torkelten sie den restlichen Nachmittag nur noch mit blasser Miene unterm Sonnenschirmen durch den Hyde Park.

Anna Russell, Duchess of Bedford
Die Duchess of Bedford , eine Hofdame und Kammerfrau von Königin Viktoria, machte diesem Spuck ein Ende. Sie fand es schlicht nicht erstrebenswert ständig besinnungslos zu werden. Jedenfalls nicht wegen akuter Unterzuckerung! Ausserdem war das unmotivierte Umfallen weder ihrer Frisur noch den sorgsam gebauschten Rüschen ihres Rockes förderlich.  Sie liess sich alsdann täglich um 17.00 Uhr Tee, Gebäck und Sandwiches servieren. Anfangs  noch heimlich auf ihrem Zimmer. Als jedoch die anderen Hofdamen davon Wind bekamen, wollten alle dabei sein, wenn es die konspirativen Leckereien gab, die ihnen den langen Nachmittag versüssten. Und so kam es, dass die Herzogin später ganz offiziell auf ihrem Landsitz zum Afternoon Tea einlud, bei welchem sich Hochadel und Politik die Klinke in die Hand gab, von den Fingersandwiches ganz zu schweigen. Eine Tradition war geboren, die noch heute genüsslich auf der ganzen Welt zelebriert wird.

Image: affordableutahweddings.com
Sogar in Helvetien kann man in ausgewählten Hotels den Afternoon begehen. In London natürlich sowieso und man sollte das durchaus mal probieren. Übrigens ist es in zwischen kein Fauxpas mehr, nach der ersten Tasse Tee nur noch Kaffee oder Espresso zu bestellen. Nicht jeder ist ein Teefetischist, möchte aber die Geselligkeit und die süssen und würzigen Versuchungen nicht missen, die es bei diesem viktorianischen Vergnügen zu geniessen gibt. Von der Latte Macchiato sollte man dennoch in diesem Zusammenhang nicht Gebrauch machen. Der richtige Afternoon Tee besteht auch heute noch aus ganz viel Duchess und nur ganz wenig Principessa.

Afternoon Tea gibt es hier:

Hotel Eden au Lac / Zurich / www.edenaulac.ch / täglich 13.00-17.00 / ab CHF 29

The Dolder Grand / Zürich /  www.thedoldergrand.com / täglich 14.00-18.00 in der Lobby
ab CHF 59
 
Restaurant Carlton / Zürich /  http://www.carlton.ch/ / September bis Mai /  Mi-Sa / 14.30-17.00
ab CHF 39
 
Hotel Palace / Luzern / www.palace-luzern.ch / Sa-So / ab 14.00 / ab CHF 29

Hotel Bellevue Palace / Bern / www.bellevue-palace.ch / täglich 14.00-18.00 / ab CHF 29
 
Hotel Le Trois Rois / Basel / http://www.lestroisrois.com/ / täglich 14.00-16.00 und 16.30-18.30
ab CHF 59